Kinder und der Tod

08.01.2013 - Der Großvater ist überraschend gestorben und liegt tot im Garten. Alle nehmen Abschied von ihm – auch die noch kleinen Enkel.

"Wenn wir gerufen werden, dann um Angehörige von Toten zu begleiten oder Familienmitgliedern und Freunden von Schwerstverletzten zur Seite zu stehen", sagt Hedi Sehr als Vorsitzende der Notfallseelsorge. Die Begleitung beim Tod von nahe stehenden Menschen soll den notwendigen Abschied ermöglichen. Er fällt denjenigen, die zurück bleiben, oft zu schwer. Der Tod wird verdrängt, dabei beinhaltet schon die Zeugung das spätere Ableben.

Und was die Erwachsenen immer mehr aus ihrer Welt verdrängen und nicht wahrhaben wollen, das wollen sie auch von ihren Kindern fernhalten.

"Ein falscher Schutz", sagt Hedi Sehr. Und deshalb hat die Notfallseelsorge nun auch einen Leitfaden für Familien herausgegeben, die einen Todesfall zu beklagen haben. "Jakob, Katharina und Paul nehmen Abschied von Opa Karl" heißt der kleine Band, der mit Texten und Bildern den Tod des Großvaters thematisiert. Dem Autorenteam gehören neben Hedi Sehr die Notfallseelsorger Pfarrer Bernd-Volker Sponholz (Braunfels), Alois Heun(Hintermeilingen), Elisabeth Geller (Elkerhausen), Josef Rohe (Nentershausen) und Liselotte Schätzig (Ellar) an, die Illustration stammt von Ingrid Stockmann (Waldernbach).

Keine Altersangabe

Es kann nach Einschätzung von Hedi Sehr keine Altersangabe darüber geben, ab welchem Alter ein Kind zu einem Abschiednehmen von den Verstorbenen mitgenommen werden kann. Klar ist, dass sich Eltern und Großeltern damit oft schwertun und Angst davor haben, die Kinder zu überfordern. Die Broschüre soll helfen, mit den Kindern über das Sterben und den Tod zu sprechen.

Die Schrift beginnt mit der Schilderung der Einschulung von Jakob und der damit verbundenen Familienfeier, an der auch der Großvater teilnimmt. Doch irgendwann wird Jakob von der Nachbarin von der Schule abholt, alles ist anders, Nachbarn stehen vor dem Haus, der Vater ist traurig zu Hause und erzählt Jakob, dass der Opa gestorben ist. Der Hausarzt kommt, auch Vertreter der Notfallseelsorge sind da, der Pfarrer wird gerufen und dann nehmen alle Abschied von dem Verstorbenen, der noch auf einer Decke auf dem Boden liegt. Es gibt anschließend noch einiges zu klären bis zur Beerdigung, was in kleinen Kapiteln beschrieben wird.

Die Zeit der Trauer ist für Kinder auch stets eine Zeit für Fragen. Eltern oder andere begleitende Personen sollten dabei nicht auf Floskeln wie der Tote sei jetzt im Himmel zurückgreifen, wenn der Himmel im bisherigen Familienleben keine Rolle spielte, so die Empfehlung der Notfallseelsorge.

Nach dem Tod würden unzählige Ereignisse im Leben weiterhin in einer Verbindung mit dem Verstorbenen stehen. Der alltägliche Lebensablauf sowie besondere Ereignisse oder Festtage seien noch auf lange Zeit durch Erinnerungen an diesen Menschen geprägt.

Die Notfallseelsorge rät, Kinder selbst Antworten finden zu lassen und ihnen keine vor zu formulieren. Auch sollte das Kind die Möglichkeit haben, eine eigene kleiner Trauerstätte einzurichten. Und wenn das Kind spiele und lache, dann entspreche das zwar nicht der eigenen Trauer, sei aber kindgerecht und ermögliche, einen eigenen Weg zu finden.jl

Artikel vom 06. Januar 2013, 18.40 Uhr (letzte Änderung 07. Januar 2013, 04.18 Uhr)

Die Kinder brauchen ehrliche Antworten

Alois Heun ist stellvertretender Vorsitzender der Notfallseelsorge Limburg-Weilburg. Im Gespräch mit NNP-Redakteur Johannes Laubach erläutert er, warum der Tod ehrliche Antworten an die Kinder erfordert.

Alois Heun, stellvertretender Vorsitzender der Notfallseelsorge.NNP: Warum ist so ein Leitfaden wichtig?

ALOIS HEUN: Eltern und Großeltern haben oft das Bedürfnis, die Kinder vor einer Konfrontation mit dem Tod zu schützen; sie wollen ihn von den Kindern fernhalten.

Und warum soll das falsch sein?

HEUN: Kinder spüren sehr früh, dass das etwas nicht in Ordnung ist. Sie wollen begreifen, was passiert ist. Als Erwachsene müssen wir mit ihnen ehrlich umgehen und die Kinder sollten ehrliche Antworten erhalten, denn ansonsten fühlen sie sich ausgeschlossen von der Verabschiedung.

Was ist so schwer an ehrlichen Antworten?

HEUN: Erwachsene haben Angst davor, denn sie haben auch oft Angst vor dem Tod. Erwachsene wollen häufig auch mit dem Verstand trauern. Das geht nicht. Trauern ist etwas tief Emotionales.

Und was ist, wenn das Abschiednehmen von Toten Bilder bei den Kindern hervorruft, die gegebenenfalls Angst hervorrufen?

HEUN: Das Abschiednehmen wird keine Angstbilder hervorrufen. Die Gefahr solcher Bilder ist deutlich größer, wenn die Kinder davon ausgeschlossen werden. Dann entstehen Phantombilder, die oft viel grausamer sind als die Realität. Bilder des Todes, des schrecklichen Todes existieren in unserer multimedialen Welt in Hülle und Fülle. Aber diese Bilder entsprechen nicht dem gerade erlebten Tod in der Familie.

Muss diese Aufgabe, die Kinder beim Abschiednehmen zu begleiten, von den Eltern oder Großeltern übernommen werden?

HEUN: Keineswegs, es können auch Freunde oder andere Verwandte sein. Sie sollten jedoch ein recht vertrauensvolles Verhältnis zu den Kindern haben.

Können denn Kinder auch Erwachsenen eine Hilfe beim Abschiednehmen und in der Trauer sein?

HEUN: Ohne Frage können sie das. Kinder machen meist das Richtige im richtigen Moment. Sie gehen emotional mit dem Tod und der Trauer um – im Gegensatz zu den Erwachsenen, die mit dem Verstand trauern wollen.

Merken Sie eigentlich bei ihrer Arbeit, ob der Tod ein Thema in den Familien ist?

HEUN: Tod und Sterben, das wird verdrängt und weggeschoben in der Erwachsenenwelt. Und dann sind alle erschrocken, wenn der Tod doch kommt, ganz nah herankommt. Diese Entwicklung spüren wir – aber auch das Gegenteil, wenn sich in den Familien mit dem Thema Tod und Trauer auseinandergesetzt wird.

Tod und Trauer. Wie ist Ihr Leben davon betroffen?

HEUN: Ich habe zwei Kinder verloren. Eines durch plötzlichen Kindstod und einen Sohn im Jahr 2000 durch einen Unfall, zu einem Zeitpunkt, als meine Frau schon todkrank war. Vor eineinhalb Jahren ist eine Enkelin von mir an einer unheilbaren Krankheit gestorben.

Haben diese Erfahrungen Sie dazu bewogen, sich der Notfallseelsorge anzuschließen?

HEUN: Beim Unfalltod meines Sohnes habe ich die Arbeit der Notfallseelsorge kennengelernt. Ich bin dann auch recht schnell in den Verein eingetreten, aber es hat viele Jahre gebraucht, um aktiv mitzumachen. Die Arbeit in der Notfallseelsorge kann keine Therapie für einen selbst sein.
Mit der eigenen Trauer muss ich abgeschlossen haben, um aktiv für sie wirken zu können.

Artikel vom 06. Januar 2013, 18.40 Uhr (letzte Änderung 07. Januar 2013, 04.18 Uhr)

Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Neuen Presse/NNP

zurück

Kontaktanfragen unter: 06484 8910609 oder

Notfallseelsorge Limburg-Weilburg e.V.
Hedi Sehr
Kellerweg 2a
65614 Beselich-Obertiefenbach

Telefon: 0171 2146604
Fax: 06484 91032

Alarmierung im Notfall
nur über die Notfallnummer
06431 19222